Wie können Gemeinden und Städte ihre Einwohnerinnen und Einwohner dazu bringen, selbst aktiv zu werden? Vier Beispiele zeigen, wie es geht.

In der Bevölkerung jeder Gemeinde und Stadt steckt viel ungenutztes Potenzial! Die Aufgabe von Verwaltungen ist es, dieses Potenzial zu adressieren sowie zu entfalten und die Einwohner*innen dazu zu bringen, das Zusammenleben aktiv mitzugestalten.

Manuela Peter Crò (MAS Strategic Design) hat sich mit diesem Thema im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Abschlussarbeit befasst. Am Erfahrungsaustausch unter den Crossiety-Gemeinden und -Städten (ERFA#3 vom 20.5.2021) hat sie dabei vier Empfehlungen abgegeben, wie Verwaltungen ihre Einwohnerinnen und Einwohner befähigen, sich selbst zu organisieren.

Manuela empfiehlt:

Bild: Manuela Peter Crò

1. Raumangebot um öffentliche Orte erweitern

«Erweitern Sie das Raumangebot um Aussenräume und um öffentliche Orte. Dies kann beispielsweise der Parkplatz des Freibads sein, welcher im Winter weitgehend ungenutzt ist. Und stellen Sie diesen Ort den Einwohner*innen nicht nur auf Nachfrage zur Verfügung, sondern bieten Sie diesen Ort an, dass er eigenständig bespielt werden darf. Mit einer Theateraufführung, mit einer Tauschbörse, mit einem Lese-Vortrag etc. Das Ziel ist es, die Leute mehr zum Verweilen im öffentlichen Raum einzuladen.»

Hinweis Crossiety
Der digitale Dorfplatz bietet die Möglichkeit, die Bevölkerung über die vorhandenen ungenutzten Räume und Orte zu informieren. Zudem können geplante Events über Crossiety organisiert und als Event erfasst werden. Je nach Grösse des Projekts bietet sich auch an, eine eigene Gruppe für den Raum zu erstellen, um die Kommunikation über die Gruppe abzuwickeln.

2. Skalierbare Struktur für Unterstützung vorbereiten

«Meine zweite Empfehlung basiert ebenfalls auf etwas Bestehendem. Gemeinden und Städte bieten punktuelle Hilfeleistungen für Initiativen von Einwohner*innen an, finanziell oder auch mit Ressourcen, ebenfalls auf Nachfrage. Die aktuell punktuellen Hilfeleistungen können Sie in eine vorbereitete Struktur giessen und so das Bisherige weiter unterstützen und auch Neues begünstigen.

Eine solche Struktur wäre das Konzept des partizipativen Budgets. Für ein bestimmtes Budget dürfen Einwohner*innen Ideen einbringen und bestimmen, welche Ideen finanziell unterstützt werden. In Reykjavik wird dieses Konzept seit 10 Jahren erfolgreich praktiziert. In der Schweiz arbeitet Lausanne damit und die Stadt Zürich hat vor kurzem in Wipkingen ein Pilotprojekt umgesetzt.»

Hinweis Crossiety
Die Einwohner*innen können mit Hilfe der Umfragefunktion miteinbezogen werden und darüber abstimmen, welche Projekte aus der Bevölkerung durchgeführt werden sollen. Über den Dorfplatz kann regelmässig über den Projektstand informiert und nach Personen gesucht werden, welche mitwirken möchten. Die Projektgruppe kann sich ausserdem über eine eigene Gruppe auf Crossiety organisieren und intern kommunizieren.

3. Experimente fördern

«Die dritte Empfehlung zielt auf unsere Vorstellungen ab. Mit den Vorstellungen ist es nicht so einfach. Ganz viele individuelle Vorstellungen können hinderlich sein für die Selbstorganisation. Und leider ist es gemäss Theorie so, dass die meisten unserer individuellen Vorstellungen im Unbewussten sind. Wir sind also nicht so frei in unseren Vorstellungen, wie wir es uns wünschen würden.

Es lohnt sich deshalb, unsere Vorstellungen von Möglichkeiten immer wieder mit kleinen Experimenten zu irritieren und so weitere Möglichkeitsräume auszuloten. Unterstützen Sie eine Gruppe von Einwohner*innen, welche kleine einfache Experimente durchführt. Mit dem Ziel, nicht ganz naheliegende Möglichkeiten auszuloten und die Ideen auch in die Bevölkerung zu tragen.»

Beispiele sind:

  • Leute auf einem Spaziergang spontan ansprechen und fragen, ob man ein Stück zusammen gehen könnte
  • Einen Tag ausrufen, an dem man sich in der ganzen Gemeinde/Stadt “duzen” darf, danach stellt man wieder auf das “per Sie” um
  • Leute einladen, in einer anderen Art und Weise durch das Dorf zu spazieren, bspw. sich auf Zufallskunst zu achten

Hinweis Crossiety
Auch hier können solche Experimente über den digitalen Dorfplatz kommuniziert und initiiert werden. Macht die Bevölkerung auf eure Ideen aufmerksam, schaut mit Umfragen, ob sie auf Anklang stossen und berichtet über erste Ergebnisse. Wenn sich daraus eine längerfristige Idee ergibt, kann ebenfalls eine Gruppe dafür erstellt werden.

4. Einwohner*innen einladen, ihre Kompetenzen einzubringen 

«Meine letzte Empfehlung ist, Einwohner*innen einzuladen, ihre Kompetenzen einzubringen und hierfür verschiedene Möglichkeiten zu schaffen. Denn: Kompetenzen ansprechen aktiviert mehr, als Bedürfnisse abzuholen. Viele Gemeinden und Städte fragen ’Was wolltest du schon immer mal machen?’. Dies ist jedoch weniger aktivierend als zu fragen ‘Wo kannst du deine Kompetenzen einbringen?’. Bedürfnisse abzuholen, muss also nicht der erste Schritt sein. Genauso gut lässt sich fragen, welche Kompetenzen vorhanden sind.

Wenn ich eine konkrete Kompetenz anspreche, scheint vieles einfacher zu sein. Ich habe mehr Mut, ich habe mehr Vertrauen. Damit Selbstorganisation begünstigt werden kann, muss ein Raum geschaffen werden, wo Kompetenzen eingebracht werden können.»

Hinweis Crossiety
Über Crossiety erreicht man die gesamte Bevölkerung und kann sie nach Kompetenzen fragen. So hat sich in einer Schweizer Gemeinde beispielsweise bereits eine Lokalkolumnisten-Gruppe gebildet, welche regelmässig in ihrer Gemeinde Artikel veröffentlicht. Die gemeinsame Kompetenz: Geschichten schreiben. Ein weiteres Beispiel wäre eine Gruppe von freiwilligen Helfer*innen, welche eine grosse Portion Sozialkompetenz mit sich bringen.


Manuela Peter Crò, diplomierte Design Thinking Expertin, befasste sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem Thema «Selbstorganisierte, gemeinschaftliche Aktivitäten in Gemeinden begünstigen und anstupsen». Am dritten Erfahrungsaustausch präsentiert die frühere Mathematikerin ihre Resultate und gibt den anwesenden Vertreter*innen der Gemeinden und Städte spannende Methoden mit auf den Weg, um das Zusammenleben vor Ort nachhaltig zu stärken.

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